Florale Tattoos: viele Zugänge zum selben Motiv
Dieselbe Blume sieht bei vier Artists völlig anders aus. Woran das liegt und welcher Zugang zu deinem Motiv passt.

"Ich hätte gern eine Blume" ist einer der häufigsten Sätze bei uns im Studio, und er sagt fast nichts darüber aus, wie das Tattoo am Ende aussieht. Eine Pfingstrose kann eine großflächige Komposition mit weichen Grauverläufen über die Hüfte sein, ein klar gezeichneter Strauß am Unterarm, eine einzelne Pflanze, die so genau gesetzt ist, dass man sie bestimmen kann, oder eine Linie, die sich um den ganzen Arm legt. Vier Artists bei True Canvas arbeiten floral, und jede macht etwas anderes daraus.

Woran sich florale Tattoos unterscheiden
Nicht die Blumenart entscheidet, wie ein Motiv wirkt, sondern sechs andere Dinge:
Die Linie Gleichmäßig dünn, oder in der Stärke wechselnd, mit kräftigen Außenkanten.
Die Grauwerte Weiche Verläufe und Dotwork, flächiges Schwarz, oder gar keine Schattierung.
Die Farbe Schwarz und Grau, einzelne Akzente, oder durchgehend bunt.
Die Komposition Ein einzelnes Motiv, ein geschlossener Strauß, oder eine Arbeit, die über den Körper läuft.
Der Abstraktionsgrad Botanisch genau, grafisch reduziert, oder bewusst verfremdet.
Die Größe Sie entscheidet, wie viel von allem anderen überhaupt möglich ist.
Wer sich diese sechs Punkte vorher überlegt, kommt mit einer viel klareren Vorstellung ins Gespräch als mit einem Pinterest Board voller Blumen.

Rita: groß, dicht und über den Körper geführt
Ritas Arbeiten sind der Zugang, bei dem die Linie fein bleibt, die Fläche aber groß wird.
Die Konturen sind dünn und ruhig, die Tiefe kommt nicht aus kräftigem Schwarz, sondern aus weichen Grauverläufen und punktierten Schatten. Dadurch wirken die Motive leicht, auch wenn sie über eine ganze Hüfte oder den halben Rücken laufen.

Botanisch heißt bei ihr nicht, dass jedes Detail abgebildet wird. Blütenform, Blattstellung und Wuchsrichtung stimmen, aber vieles wird weggelassen. Das Ergebnis liegt zwischen einer botanischen Zeichnung und einer Skizze, und genau dieser Zwischenraum ist ihre Handschrift.

Die Kompositionen folgen dabei dem Körper. Eine Ranke läuft entlang der Hüftlinie, ein Zweig folgt der Rundung der Schulter, die Blüten sitzen dort, wo der Körper ohnehin eine Wölbung hat. Das ist der Grund, warum diese Arbeiten groß besser funktionieren als klein.

Dazu kommen Motive, die nicht botanisch sind, aber in dieselbe Komposition eingebaut werden. Ein Drache zwischen den Blüten zum Beispiel, der sich erst auf den zweiten Blick zeigt.

Auch wenn ein Motiv kleiner ausfällt, bleibt der Zugang derselbe: dieselbe feine Linie, dieselben weichen Grauwerte, nur auf weniger Fläche.


Und es gibt eine dritte Richtung bei ihr: Arbeiten, die weniger gezeichnet als gemalt aussehen. Bambusblätter mit breiten, weichen Strichen, näher an Tuschemalerei als an einer Kontur.
Ihren Werdegang und weitere Arbeiten findest du auf Ritas Artist Seite.

Tati: der klar gezeichnete Strauß
Bei Tati ist die Linie der Hauptdarsteller.
Die Konturen sind gleichmäßig stark und klar gesetzt, Grauwerte gibt es kaum, und das Motiv ist als Form gedacht: ein Strauß mit einer erkennbaren Silhouette, der als Ganzes auf der Haut steht. Das kommt aus ihrem Hintergrund im Grafikdesign, wo ein Motiv funktionieren muss, bevor Details dazukommen.

Typisch ist die Größe: mittelgroß, meist am Unterarm, am Oberschenkel oder zwischen den Schulterblättern, als abgeschlossenes Motiv und nicht als Teil einer größeren Fläche. Wer ein Tattoo will, das man auf einen Blick erfasst, ist hier richtig.

Mehr dazu auf Tatis Artist Seite, und wie feine Linien über die Jahre altern, steht in unserem Beitrag zum Fine Line Tattoo.

Kateryna: die einzelne Pflanze, botanisch genau
Kateryna setzt die Pflanze allein, und dafür ganz genau.
Kein Strauß, keine große Komposition, sondern ein Gewächs mit Stiel, Blatt, Knospe und Frucht, so gezeichnet, dass man es bestimmen könnte. Die Schattierung ist weich und realistisch, die Linie zieht sich an manchen Stellen fast ins Nichts zurück und lässt die Grauwerte die Arbeit machen.

Das Ergebnis liegt näher an einer botanischen Studie als an einem Dekor, und es funktioniert gerade deshalb auch in mittlerer Größe: Weil nur eine Pflanze da ist, hat jedes Detail Platz.

Daneben hat sie eine zweite Seite, die mit Blumen anders umgeht: surreale Kompositionen, in denen eine Pflanze mit anderen Elementen zusammenkommt und eine Bedeutung trägt. Ihre eigene Marke heißt nicht zufällig Black Flora. Wer mit einer Idee statt mit einer Pflanze kommt, ist bei ihr richtig.

Mehr dazu auf Katerynas Artist Seite und in unserem Beitrag zum Concept Tattoo.
Anna: die Linie, die sich um den Körper legt
Bei Anna ist das Motiv oft eine Bewegung statt einer Fläche.
Ein Zweig, der über die Schulter läuft, eine Ranke, die den ganzen Unterarm umschließt, ein kleiner Strauß mit dünner, gleichmäßiger Linie. Schattiert wird nur dort, wo es etwas trägt, der Rest bleibt offen. Diese Arbeiten legen sich eher an den Körper, als dass sie ihn füllen, und sie wirken dadurch leicht, auch wenn sie über eine große Strecke gehen.

Dazu kommt die Richtung, für die sie bekannt ist: Farbe. Farbrealismus heißt, dass die Farbe nicht als Füllung in eine Kontur kommt, sondern das Motiv aufbaut. Übergänge, Licht und Sättigung entscheiden, wie die Blüte wirkt, und eine Linie gibt es oft gar nicht. Das ist technisch der aufwendigste der vier Zugänge und braucht entsprechend Zeit.

Mehr dazu auf Annas Artist Seite und in unserem Beitrag zum Farbrealismus. Wie weit man mit Farbe bei Blumen gehen kann, zeigt auch unser Beitrag zu bunten Blumen Tattoos.

Finde deinen floralen Zugang
Die ehrlichste Abkürzung: Überleg dir nicht zuerst die Blume, sondern wie das Tattoo wirken soll.
Groß, dicht und über den Körper geführt: Rita.
Ein klarer Strauß, den man auf einen Blick erfasst: Tati.
Eine einzelne Pflanze, genau und ruhig, oder eine Blume als Teil einer Idee: Kateryna.
Eine Linie, die sich um den Körper legt, oder Farbe: Anna.
Zwei Dinge gelten für alle vier. Erstens: Die Körperstelle entscheidet mit. Eine Komposition, die über die Hüfte läuft, ergibt an einem Unterarm keinen Sinn, und umgekehrt. Zweitens: Feine Linien und Farbe verhalten sich unterschiedlich über die Jahre, nachzulesen in unserem Beitrag dazu, wie Tattoos altern, und an Händen und Füßen gelten noch einmal eigene Regeln, siehe Hand- und Fußtattoos.
Wenn es dein erstes Tattoo wird, erklärt unsere Seite zum ersten Tattoo den Ablauf. Alle Stile, mit denen wir arbeiten, findest du in der Tattoo Stilübersicht.
Deine Anfrage
Du musst dich nicht vorher für eine Artist entscheiden. Schick uns deine Idee, deine Referenzen und die gewünschte Körperstelle über unser Anfrageformular, dann schlagen wir dir vor, wer am besten dazu passt.
Einen Überblick über das ganze Team gibt es bei unseren Artists, und regelmäßig kommen Guest Artists nach Wien, die noch einmal andere Zugänge mitbringen.


