Freehand Tattoo und Body Flow
Mit der Anatomie gestalten, statt ein Motiv einfach auf den Körper zu setzen

In diesem Gastbeitrag erzählt Sena Aslan, die unter dem Namen INKSAS in Istanbul tätowiert und als Guest Artist bei True Canvas in Wien gearbeitet hat, von ihrer Herangehensweise an Freehand Tattoos und Body Flow. Sie beschreibt, wie Anatomie, Bewegung und Negativraum ihre Gestaltung beeinflussen. Die hier vorgestellte Arbeitsweise und die beschriebenen Methoden sind ihre eigenen.
Ein Tattoo kann auf Papier oder einem Bildschirm perfekt ausbalanciert wirken. Sobald es jedoch auf den Körper trifft, verändert sich dieses Gleichgewicht.
Der Körper ist keine flache oder statische Fläche. Er wölbt sich, dreht sich, atmet und bewegt sich. Eine Linie kann auf einer Körperseite verschwinden und aus einem anderen Blickwinkel wieder auftauchen. Die Richtung eines Designs verändert sich ständig mit der Person, die es trägt.

Deshalb ist Body Flow für mich nicht einfach eine Frage der Platzierung. Er ist eine der Grundlagen des Designs selbst.
Statt ein Tattoo als eigenständiges Bild zu betrachten, das auf den Körper gesetzt wird, gehe ich lieber davon aus, dass die Komposition bereits irgendwo in der Körperform angelegt ist und es meine Aufgabe ist, sie sichtbar zu machen.

Der digitale Entwurf gibt mir einen Ausgangspunkt. Die Schablone legt die Struktur fest. Beim Freehand Zeichnen beginnt das Design, mit dem Körper in einen Dialog zu treten.
Was ist ein Freehand Tattoo?
Beim Freehand Tätowieren wird ein Teil oder manchmal das gesamte Motiv vor dem Tätowieren direkt auf die Haut gezeichnet.
Für mich ist Freehand allerdings nicht einfach eine Alternative zur Schablone.
Sein eigentlicher Wert zeigt sich erst, wenn das Design auf den Körper trifft.
Bei meiner Arbeitsweise bereite ich die wichtigsten Elemente normalerweise vorab digital vor. Elemente, die eine genauere Struktur benötigen, übertrage ich mit einer Schablone. Bestimmte Bereiche der Komposition lasse ich dagegen bewusst offen.
Denn manchmal gibt es einen Teil des Designs, den ich auf einem Bildschirm einfach nicht erkennen kann. Er wird erst sichtbar, wenn ich die tatsächliche Anatomie vor mir sehe.
Die Schablone gibt mir Struktur. Freehand gibt mir die Freiheit, mich innerhalb dieser Struktur zu bewegen.
Manchmal reichen wenige Linien aus, um die Richtung einer Komposition grundlegend zu verändern. Ein anderes Mal zeigt mir eine freie Fläche am Körper, dass ich nichts hinzufügen, sondern sie bewusst unberührt lassen sollte.
Das ist eines der Dinge, die mir am Freehand Arbeiten besonders gefallen: Nicht jede Entscheidung muss im Voraus getroffen werden.
Auf meiner Website kannst du dir weitere Freehand Tattoos und individuelle Entwürfe ansehen und entdecken, wie diese Überlegungen in fertigen Kompositionen umgesetzt werden.

Warum ist Body Flow wichtig?
Jeder Körper hat seinen eigenen Rhythmus.
Der Verlauf der Muskeln, die Knochenstruktur, Gelenke, Rundungen und sogar die Art, wie jemand sich ganz natürlich bewegt und hält, werden Teil dieses Rhythmus.
Nur weil ein Design in einen bestimmten Bereich passt, bedeutet das nicht automatisch, dass es dort auch hingehört. Beim Gestalten achte ich nicht nur darauf, wie viel Platz mir zur Verfügung steht. Ich schaue auch darauf, wohin mich dieser Raum führt.
Manche Kompositionen folgen der natürlichen Richtung des Körpers. Andere legen sich um ihn. Einige Linien entfernen sich vom Hauptfluss, verschwinden und verbinden sich an einer anderen Stelle wieder mit der Komposition.
Manchmal entsteht die Bewegung aber nicht durch die Linie selbst, sondern durch den Raum, den ich zwischen den Linien lasse.
Für mich ist Body Flow keine Methode, die zu einer bestimmten Körperstelle oder einem bestimmten Stil gehört. Es bedeutet, den Körper nicht als Begrenzung des Designs zu sehen, sondern als Teil des Designs selbst.
Ich möchte nicht, dass ein Tattoo nur aus einem einzigen Blickwinkel gut funktioniert. Die Komposition soll sich mit der Person bewegen, die sie trägt.

Ein Hinweis von True Canvas: Platzierung und Bewegung beeinflussen auch, wie sich ein Tattoo über die Jahre verändert. Mehr dazu erfährst du in unserem Artikel über die Alterung von Tattoos.
Schablone und Freehand kombinieren
Die meisten meiner Projekte beginnen mit einem digitalen Entwurf.
Ich entwickle die wesentlichen Elemente und lege die grundsätzliche Richtung der Komposition fest. Ich versuche jedoch nicht, jeden Zentimeter des Tattoos bereits im Voraus auszuarbeiten.
Denn sobald das Design auf dem Körper liegt, entstehen neue Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen.
Eine Linie muss vielleicht etwas weitergeführt werden. Ein Bereich braucht möglicherweise mehr Platz als erwartet.
Manchmal wird ein Detail, das auf dem Bildschirm wichtig erschien, überflüssig, sobald ich es auf der Haut sehe.
Nachdem ich die Grundstruktur mit der Schablone übertragen habe, entwickle ich die Freehand Elemente direkt auf dem Körper weiter.
Ab diesem Punkt reagiere ich nicht mehr nur auf den Entwurf, den ich vorbereitet habe. Ich reagiere auf den Körper, den ich vor mir habe.
Manchmal erkenne ich erst am Körper, wohin ein Design eigentlich führen möchte.
Freehand gibt mir die Freiheit, dieser Richtung zu folgen.

Bewegung durch Linien erzeugen
Die abstrakten Linien, skizzenhaften Elemente und pinselartigen Striche in meinen Arbeiten sind nicht einfach dekorative Details.
Ich nutze sie, um einen Rhythmus innerhalb der Komposition zu erzeugen.
Eine Linie folgt vielleicht der Hauptform, während eine andere sich von ihr entfernt. Manche Linien sind kräftiger und klarer definiert, andere werden immer leichter, bis sie beinahe verschwinden.
Diese Veränderungen führen den Blick von einem Teil der Komposition zum nächsten.
Unterschiedliche Linienstärken, Flächen in sattem Schwarz und weiche Übergänge in der Schattierung sind Teil dieses Rhythmus. Ich möchte nicht, dass jeder Bereich des Tattoos gleich laut spricht.
Manche Linien dürfen bei mir laut sprechen, während andere beinahe flüstern.
Diese Variation erzeugt Bewegung und Tiefe innerhalb des Designs.
Auf meiner Website findest du Beispiele für solche abstrakten Linien und skizzenhaft gestalteten Kompositionen.

Ein Hinweis von True Canvas: Abstrakte Linien und rauchige Übergänge finden sich auch in den Arbeiten unserer Resident Artist Veronika.
Negativraum ist Teil des Designs
Zu wissen, wo ich nicht zeichnen sollte, ist für mich genauso wichtig wie das Zeichnen selbst.
Gerade bei skizzenhaften und abstrakten Elementen ist es leicht, immer mehr hinzuzufügen. Ab einem bestimmten Punkt kann eine weitere Linie jedoch den Rhythmus unterbrechen, statt das Design zu verbessern.
Deshalb lasse ich bestimmte Bereiche bewusst offen.
Negativraum gibt den dichteren Teilen der Komposition Luft zum Atmen. Er trennt wichtige Elemente voneinander und schafft Bereiche, an denen das Auge zur Ruhe kommen kann, bevor es dem Verlauf des Tattoos weiter folgt.
Manchmal ist der stärkste Teil eines Designs genau der Bereich, den ich bewusst nicht berührt habe.
Für mich ist eine freie Fläche kein Bereich, in dem dem Design etwas fehlt. Sie ist der Bereich, in dem das Design zur Ruhe kommt.
Und manchmal ist diese Stille genauso wichtig wie die Linien selbst.


Jeder Körper schafft eine andere Komposition
Freehand und Body Flow sind nicht auf bestimmte Körperstellen beschränkt.
Entscheidend ist für mich, die Form und Bewegung des jeweiligen Bereichs lesen zu können.
Dieselbe Idee kann bei zwei Menschen zu einer völlig unterschiedlichen Komposition werden. Anatomie, Proportionen, vorhandene Tattoos, Bewegung und der verfügbare Negativraum beeinflussen meine Entscheidungen.
Deshalb möchte ich nicht jedes Detail festlegen, bevor das Design überhaupt auf den Körper getroffen ist.
Ich lasse gern etwas Raum für das Unerwartete.
Dadurch habe ich die Möglichkeit, die Komposition für die jeweilige Person neu zu denken.
An diesem Punkt wird Freehand zu mehr als einer Zeichentechnik. Es wird Teil des Dialogs zwischen dem Design und dem Körper.

Wie läuft der Prozess ab?
Bei einem individuellen Freehand und Body Flow Projekt beginne ich normalerweise mit der Idee, der gewünschten Körperstelle und einer ungefähren Größe.
Anschließend bereite ich den Entwurf vor und lege die grundsätzliche Richtung der Komposition digital fest.
Am Tag des Tätowierens, sobald die wichtigsten Elemente auf dem Körper positioniert sind, trete ich ein paar Schritte zurück und betrachte das Gesamtbild. Mich interessiert nicht nur, wie das Design aus der Nähe aussieht. Ich möchte auch sehen, welche Silhouette es am Körper erzeugt.
Sobald die Schablone sitzt, beginnt die Freehand Phase.
Ich zeichne die Linien direkt auf die Haut und überprüfe die Komposition während der Arbeit aus verschiedenen Blickwinkeln. Wenn nötig, radiere ich einzelne Linien weg, verändere oder zeichne sie neu oder ergänze Verbindungen dort, wo die Komposition sie braucht.
Manchmal entwickelt sich das Design dabei in eine etwas andere Richtung, als ich ursprünglich erwartet hatte.
Und genau das gefällt mir.
Denn mein Ziel ist nicht, meinen ursprünglichen Entwurf um jeden Preis exakt zu reproduzieren. Ich möchte die Version dieses Entwurfs finden, die sich für den Körper vor mir richtig anfühlt.
Sobald das Gesamtbild ausgewogen wirkt und die Bewegung der Komposition stimmt, beginne ich mit dem Tätowieren.

Ein Design für den Menschen, der es trägt
Vielleicht gefällt mir an dieser Arbeitsweise am besten, dass dasselbe Design bei zwei verschiedenen Menschen niemals exakt gleich sein könnte.
Jeder Körper gibt eine andere Richtung vor.
Manchmal verändert eine Rundung den Verlauf einer Linie. Manchmal eröffnet ein vorhandenes Tattoo eine neue Richtung für die Komposition. Und manchmal wird eine freie Fläche, die ich ursprünglich gar nicht eingeplant hatte, zu einem der wichtigsten Teile des Designs.
Deshalb betrachte ich die erste Zeichnung nicht als fertige Antwort.
Ich sehe sie als Ausgangspunkt.
- Der digitale Entwurf entwickelt die Idee.
- Die Schablone gibt ihr Struktur.
- Freehand lässt das Design auf den Körper reagieren.
- Die Linien erzeugen Bewegung.
- Und der freie Raum gibt allem Platz zum Atmen.
Am Ende komme ich immer wieder auf dieselbe Frage zurück:
Fühlt es sich an, als würde dieses Tattoo zu genau diesem Körper gehören?
Für mich ist das der Kern eines gelungenen Body Flow.
Das Tattoo sollte nicht einfach auf der Haut sitzen.
Es sollte sich so anfühlen, als wären die Linien schon immer dort gewesen und wir hätten sie lediglich sichtbar gemacht.
Über die Autorin
Sena Aslan tätowiert in Istanbul unter dem Namen INKSAS und arbeitet mit abstrakten, frei gezeichneten und fließenden Kompositionen. Als Guest Artist hat sie bei True Canvas in Wien tätowiert. Weitere Arbeiten und Entwürfe findest du auf inksas.co.
Internationale Artists besuchen unser Studio regelmäßig. Auf unserer Seite für Guest Artists findest du aktuelle und vergangene Gäste. Einen Überblick über die Stilrichtungen unserer Resident Artists gibt unsere Tattoo Stilübersicht.
Wenn du dein erstes Tattoo planst, erklärt dir unser Ratgeber zum ersten Tattoo, wie aus einer Idee eine Terminanfrage wird.


